Gastbeitrag von Optimist

Nachdem ich schon auf meiner ersten England-Reise ein Spiel der Premier League bei Newcastle United (Teil 1 – Newcastle United vs. Bolton Wanderers 1:1 hier) besucht hatte und das ein tolles Erlebnis war, war das natürlich auch Pflicht für die geplante Reise nach Liverpool. Deshalb gibt es jetzt schon wieder einen Gastbeitrag von mir. Bei dieser Gelegenheit: Danke Bomber fürs Anpassen und Einstellen des Beitrags!

Vorweg die allgemeinen Infos: Liverpool liegt fast an der Grenze zu Nordwales im Nordwesten Englands und bildet zusammen mit Manchester den zweitgrößten Ballungsraum (nach London) mit insgesamt rund 4,2 Millionen Einwohnern, als Stadt selbst ist Liverpool mit knapp 500.000 Einwohnern etwa so groß wie Nürnberg. Ja, und auch ein Pendant zur Westvorstadt gibt es quasi, da der größte Rivale Manchester United nur rund 40 km entfernt ist. Wobei hier vielleicht eher der Vergleich zu Bauern München angebracht ist. Und natürlich ist Liverpool weltberühmt als Heimatstadt der Beatles, was man in der Stadt neben dem Fußball überall mitbekommt. Darüber hinaus gibt es in Liverpool noch den FC Everton als Lokalrivalen, der aber eher akzeptiert wird als der Erzfeind Manchester United.

Der Verein Liverpool FC (wie es im englischen Original heißt) ist, wie der Glubb, ein alter Traditionsverein, der lange Jahre englischer Rekordmeister war (mit 18 Titeln). Erst in diesem Jahr wurde Liverpool von Manchester United mit dem 19. Titel überholt. Hinzu kommen 7 Pokalsiege und eine beeindruckende europäische Bilanz mit 5 Landesmeister/CL-Titeln und 3 UEFA-Cup Siegen. Die meisten Erfolge stammen aus dem Zeitraum der 1970er und 1980er Jahre, in denen der FC Liverpool (oder auch „Reds“) der dominierende Club in England war. Die europäische Dominanz jedoch fand 1985 ihren tragischen Endpunkt in der Tragödie im Heysel-Stadion von Brüssel, nach der der FC Liverpool für 7 Jahre von den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wurde.

Im aktuellen Kader, der gespickt ist mit Nationalspielern aller Länder finden sich nur wenige Bekannte mit Bundesligavergangenheit: Christian Poulsen (dänischer Nationalspieler, Ex-Schalker) und Sotirios Kyrgiakos (griechischer Nationaler, Ex-Frankfurt), die auch nur Ersatzspieler waren. Ansonsten kommt einem eigentlich jeder Name bekannt vor, herausragend vielleicht Steven Gerrard (der verletzt war), Jamie Carragher, Joe Cole, Luis Suarez (Uruguay) und Dirk Kuyt (Holland). Der Trainer ist Kenny Dalglish, eine der großen Liverpool-Legenden. Das ist, als ob Max Morlock Clubtrainer gewesen wäre. Im Kader des Gegners, der Tottenham Hotspurs ist besonders erwähnenswert der immer etwas ungelenk wirkende 2 m Riese Peter Crouch, der kroatische Spielmacher Luka Modric (der ein Riesen Spiel machte) und ein gewisser Raphael van der Vaart…

Der „Ground“, das Heimstadion von Liverpool FC ist die legendäre Anfield Road, eines der traditionsreichsten Stadien Englands. Das Stadion fasst 42.362 Sitzplätze, die alle überdacht sind. Stehplätze gibt es in Englang übrigens nach der Hillsborough-Tragödie von Sheffield (1989), in der 96 Liverpool Fans in einer Massenpanik den Tod fanden, generell nicht mehr. Nach den beiden tragischen Ereignissen von Brüssel und Sheffield hat das legendäre „You’ll never walk alone“ eine besondere Bedeutung auch im Andenken an die Opfer bekommen und wurde auch ins Vereinswappen aufgenommen.

Das ist schon Gänsehautfeeling, wie das ganze Stadion zum Anpfiff mitsingt und die Schals hochhält. Ich habe versucht, das mit meinem Handy einzufangen, aber im Original ist das natürlich noch beeindruckender. Eine ganz besondere Atmosphäre, ähnlich wie bei unserer „die Legende lebt“.

Auch das Stadion in Liverpool liegt mitten in der Stadt, vom Heimstadion des FC Everton nur durch einen kurzen Fußweg durch einen Park entfernt, in einer etwas heruntergekommenen Gegend.

Im Stadion gibt es noch einen recht ordentlichen Fan-Shop, nicht ganz so edel wie in Newcastle, aber immer noch besser als in Nürnberg.

Bevor ich zum eigentlichen Spiel komme, muss ich aber noch eine nette Geschichte zur englischen Gastfreundschaft erzählen. Als wir am Bahnhof in Liverpool nach dem richtigen Bus suchten (hier gibt es keine gute Verkehrsanbindung außer einigen Sonderbussen und einer städtischen Buslinie, die vor dem Stadion hält), fragten wir 2 Streifenpolizisten (nicht wirklich Polizei, das war eine von der Gemeinde bezahlte uniformierte Streife mit eingeschränkten Polizeibefugnissen, keine Ahnung, wie das genau heißt). Jedenfalls sagten die zwei, das wäre doch ganz nah und besser zu Fuß. Nach kurzer Unterhaltung boten Sie an, uns zum Stadion zu begleiten, damit wir uns nicht verlaufen. So gingen wir also mit Polizeieskorte zum Spiel, war irgendwie total nett. Es stellte sich heraus, dass einer der beiden ein Everton-Fan war, der andere, Thomas, aber ein echter „Red“ mit einem Tattoo des Vereinwappens auf dem Oberarm. Weil wir sowieso ein Ticket übrig hatten (einer unserer englischen Freunde war leider verhindert), boten wir ihm an, uns zum Spiel zu begleiten. Naja, er war begeistert, beendete sofort seinen Dienst (keine Ahnung, ob er das durfte, aber was tut man nicht alles für ein Spiel), sprang aus der Uniform und begleitete uns. Jetzt hatten wir also auch noch einen einheimischen Fremdenführer, was letztlich ein echter Glücksfall war, weil er uns doch einiges über englische Fußballkultur erzählen konnte.

Ihm ist es auch zu verdanken, dass wir den absoluten Kult-Pub besuchten, der direkt vor dem Stadion steht.

Da war es brechend voll bis auf die Straße hinaus und ohne Thomas hätten wir es niemals versucht, da hineinzukommen. Er sagte aber „The Albert“ sei legendär, absoluter Kult und ein Muss für echte Fans.

Er hatte recht: innen war alles voll mit Schals, Fahnen und Trikots aller möglichen Clubs (nur vom Glubb habe ich nichts gesehen), jeder cm war davon bedeckt und dazu gab es Live-Fußball-Übertragungen auf Großbildschirmen, für die, die es nicht geschafft haben, Tickets zu bekommen. Nach einiger Zeit fing der ganze Pub an zu singen, alle möglichen Fan-Lieder. Ein grandioses Erlebnis!

Dann ging es ins Stadion, wo wir Spitzenplätze bekommen hatten, mitten in der Haupttribüne. Ins Stadion gelangt man, wie in Newcastle, über zahlreiche Zugänge zu Treppenhäusern, ein Gedränge gab es auch da nicht, obwohl das Spiel ausverkauft war.

Von dort gelangt man dann in die Verpflegungsbereiche im Stadionbauch hinter den Tribünen, die hier ziemlich beengt waren. Und auch hier das schon bekannte Bild: Man darf im gesamten Stadiongelände nicht rauchen, man kommt auch nicht ins Freie, um draußen rauchen zu können – Thomas erklärte dazu, dass in England auf öffentlichem Grund Rauchen generell verboten sei! Und auch hier darf man das „Bier“ nicht mit nach Innen nehmen! Kein Alkohol im Sitzplatzbereich ist wohl englischer Standard, aus Sicherheitsgründen!

Dann im Stadion, Sitzplätze eingenommen, die nächste kleine Überraschung: Es gibt auch in in der legendären Anfield Road keine richtige Anzeigentafel, zumindest jedoch eine digitale Spielstandsanzeige!

Und so ins Rund geblickt, konnte ich auch hier keine organisierten Fankurven erkennen, die meisten Leute trugen nicht einmal Fankleidung. Thomas meinte, in England gehen die meisten Leute in „Zivil“ ins Stadion.

Aber immerhin gab es zum letzten Saisonheimspiel ein kleine Choreographie mit einer großen Fahne, die über die legendäre Fan-Tribüne „The Kop“ gezogen wurde. Dann, zum Anstoß wurde die berühmteste Fußballhymne der Welt „You’ll never walk alone“ angestimmt, ein gemeinsames Singen aus über 40.000 Kehlen mit Schals emporhalten – da wurde ich absolut nicht enttäuscht, so hatte ich mir das vorgestellt und war trotzdem beeindruckt. Jedenfalls war es wesentlich feierlicher als in Newcastle.

Während des Spiels dann aber herrschte wie schon in Newcastle eine beeindruckende Atmosphäre, was wohl auch am ausverkauften Haus mit über 42.000 Zuschauern lag. Angenehm, dass es auch hier keinen monotonen Dauersingsang gab (gibt es in England wirklich keine Ultras?), sondern spielsituationsbezogene Emotionen durchzuhören waren und öfter Schlachtgesänge, die dadurch irgendwie stärker, authentischer wirkten und auch von fast allen mitgesungen wurden.

Und die angeblich kühlen Engländer werden anscheinend in jedem Stadion so richtig lebendig, der Schiri, ein gewisser Howard Webb (kein unbeschriebenes Blatt), glänzte durch einige fragwürdige Entscheidungen und wurde heftigst als ManU-Anhänger beschimpft. Bezeichnend auch, dass die Engländer Schauspielerein und Schwalben, auch bei den eigenen Mannen, hassen. Luis Suarez hat es ein paar mal versucht und dafür nur ein verständnisloses „Come on, stay on your legs!“ geerntet.

Letztendlich war Tottenham leicht überlegen, kam besser ins Spiel und wirkte besser organisiert, was das Publikum erstaunlich unparteiisch quittierte, auch Thomas. Pfiffe gegen eigene Spieler gab es gar nicht, man schimpft, aber pfeift nicht. Die logische Folge war das 0 : 1 nach einer zu kurz abgewehrten Ecke durch Raphael van der Vaart (abgefälschter Schuss) in der ersten Hälfte und kurz nach dem Seitenwechsel das 0 : 2 nach einem fragwürdigen Elfmeter, den Modric sicher verwandelte. Liverpool versuchte es noch, aber letztlich gewann Tottenham verdient und spielt daher jetzt Euroleague anstatt von Liverpool.

Ansonsten war das Spielniveau wie in einem Spitzenspiel der Bundesliga, man hatte auch hier den Eindruck, dass weniger taktiert und entschlossener nach vorne gespielt wird. Besonders gefallen haben mir Dirk Kuyt bei Liverpool mit unermüdlichem Einsatz und Luka Modric bei Tottenham.

Nach dem Spiel verabschiedeten sich die Spieler auf einer Ehrenrunde von den Fans, die alle dablieben und stehen applaudierten, trotz Niederlage (Saisonfinale) und dann ging alles zügig und gut geordnet nach Draußen, Aggressionen waren keine zu spüren – auch hier, wie schon in Newcastle,völlig problemlos und friedlich.

Fazit:

Das war wieder ein Erlebnis, dass ich unbedingt wiederholen muss, sowohl in Liverpool als auch in Newcastle, aber insgesamt gefällt es mir – wegen des Herzbluts – doch bei unserem Glubb besser. Die Legende lebt, die Schals nach oben, das ist Gänsehaut-Feeling, das es mit „You’ll never walk alone“ aufnehmen kann.

Vielleicht noch ein wichtiger Hinweis zum Ticketkauf, falls ich jemanden auf den Geschmack gebracht habe: Wenn man im Internet bei Online-Ticketshops sucht, wird man gnadenlos abgezockt. Die Tickets kosteten original 45 Pfund (also unter 60 Euro). Im Tickethandel werden aber auch 300 Euro verlangt – angeblich als „Marktpreis“. Es ist allerdings nicht einfach, Tickets zu bekommen, wenn man keinen Kontakt vor Ort hat. Zwar bietet auch der Verein einen Online-Ticketverkauf, aber zunächst nur für Mitglieder, Liverpool-TV Abonnenten und Dauerkarteninhaber. Erst in der „Late Availability“, die erst 18 Tage vor dem Spiel freigeschaltet wird, kann dann Jedermann Tickets bestellen, allerdings oft nur noch sichtbehinderte Plätze (wie unsere, aber das störte kaum: siehe Säule vor dem Tor). Sobald die Tickets freigeschaltet werden, muss man – zumindest in Liverpool – drin sein im Online Shop, denn bereits nach 2 Stunden waren alle Tickets restlos ausverkauft. Glück gehabt, die kamen dann auch einige Tage darauf mit der Post. Es klappt also, auch wenn es nicht einfach ist.

Zum Abschluss noch ein Bild der wohl originellsten englischen Biersorte. Ein sogar trinkbares Ale 😉

Gruß Optimist

Anmerkung Bomber Manolo:

Wieder ein geiler Groundhopping-Bericht, dankeschön! Tja, mein Besuch eines „Londoner Stadtderbys“ ist noch etwas weiter in die Ferne gerückt: West Ham United ist dieses Jahr abgestiegen! 🙁
Dieses „You’ll never walk alone“ erinnert mich an den Film vom Fahnenmeier nach dem Pokalsieg! Und genauso hat auch damals „jemand“ mit reingejault! 😉 Aber ich freue mich umso mehr auf Deinen nächsten Groundhopping-Bericht, ich vermute mal, jetzt ist Südamerika dran, gell? 😉

Kapazität: 42.362 Sitzplätze

Die Anfield Road Liverpool in voller Größe (bitte auf das Bild klicken)


Telekom-Entertain-Programme Bundesliga hier

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6 Kommentare zu “Groundhopping in der Premier League, Teil 2: Liverpool FC vs. Tottenham Hotspurs (0:2)”

  1. maik sagt:

    <<>>

    A DRAUM!!!!!!!

  2. maik sagt:

    „Angenehm, dass es auch hier keinen monotonen Dauersingsang gab (gibt es in England wirklich keine Ultras?), sondern spielsituationsbezogene Emotionen durchzuhören waren und öfter Schlachtgesänge, die dadurch irgendwie stärker, authentischer wirkten und auch von fast allen mitgesungen wurden.“

    A DRAUM!!!!!!!

  3. Optimist sagt:

    @Bomber: Die Montage für das Panorama ist echt gut geworden, danke!

    Ja, das Stadtderby: Der Abstieg von West Ham wurde im Stadion bekanntgegeben und wurde von den Tottenham-Fans (ist ja auch aus London) höhnisch bejubelt…. So wie halt bei uns alle jubeln, wenn ein Tor gegen die Bauern bekanntgegeben wird.

    Tja, Südamerika wohl nicht so schnell, aber vielleicht schaffe ich es demnächst mal in Paris 😉

    Darauf ein gepflegtes Pint lauwarmes „Dorftrottel“! öÖö

  4. Optimist sagt:

    Na ja, Millwall spielt doch auch in der zweiten englischen Liga. Dann musst Du halt ein Zweitligaspiel als Stadtderby anschauen…

  5. Julius sagt:

    Ultras hat in England soweit ich weiß nur Crystal Palace („Holmesdale Fanatics“) und in Schottland noch Celtic Glasgow („Green Brigade“). Bin darüber aber auch froh, weil das ganze wie oben schon beschrieben authentischer, viel druckvoller kommt und außerdem spielbezogener.
    Im „The Albert“ gibt es übrigens zwar keinen „reinen“ Glubbschal aber einen Schalke und der FCN 😉

  6. Optimist sagt:

    Julius, ich nehme mal an, Du bist nicht DER Julius von den Nürnberger Ultras, sonst würde mich das ein wenig wundern, was Du über den Support sagst. Aber wie auch immer, ich finde auch unsere Ultras haben es ja auch selbst in der Hand, wie sie den Support gestalten. Es gibt da eben einige Standard-Songs, die man wirklich in jedem deutschen Stadion hört. Das führt dann zu diesem Klang-Teppich, dem jede Individualität abgeht. Im Prinzip auch nicht viel anders, als die Vuvuzelas 😉

    Ich würde mich freuen, wenn man ein wenig weg von der Einheitsware käme und mehr auf situationsbezogene Anfeuerung setzen würde. Sicher würde sich dann auch eine breitere Masse im Stadion beteiligen. Bei FCN FCN FCN ist der Text ja nicht so kompliziert 😉

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