Gastbeitrag von Optimist

Wenn man schon mal ins Mutterland des Fußballs reist, dann muss man dort eigentlich unbedingt auch ein Spiel der Premier League besuchen. Gedacht, gemacht und so haben meine Frau und ich für das Spiel Newcastle United gegen Bolton Wanderers am 26.02.2011 schon vor der Reise online Tickets besorgt (für 25 engl. Pfund/Stück, fast wie bei uns). Da das ein erzählenswertes Erlebnis war, will ich hier mal einen Gastbeitrag einbringen. Bei dieser Gelegenheit: Danke Bomber fürs Anpassen und Einstellen des Beitrags!

Vorweg ein wenig allgemeine Infos: Newcastle liegt schon unweit Schottlands und ist die größte Stadt im Nordosten Englands mit rund 270.000 Einwohnern, ist aber, ähnlich wie Nürnberg, mit weiteren Gemeinden zusammengewachsen (Gateshead, Sunderland – mit eigenem Premier-League-Club) und erreicht damit als Großraum ähnliche Dimensionen wie die Metropolregion Nürnberg. Ja, und auch ein Pendant zur Westvorstadt gibt es also mit Sunderland (allerdings habe ich nicht mitbekommen, ob es da eine ähnliche Rivalität gibt).

Der Verein Newcastle United FC ist, wie der Glubb, ein alter Traditionsverein, der auch schon einmal bessere Tage gesehen hat und schlägt sich, nach Abstieg und direktem Wiederaufstieg in der letzten Saison, aktuell im Mittelfeld der Premier League herum. Klingt verdammt nach Glubb, allerdings stehen wir ja gerade an der Schwelle zu einer goldenen Zukunft 😉 Aus dem Zeitraum 1905 bis 1955 datieren 4 Meisterschaften und 6 Pokalsiege, danach gab’s nur noch gelegentliche UEFA-Cup-Teilnahmen. Wirkt alles ziemlich vertraut für mich, ein Verein, der einem gleich irgendwie sympathisch ist, so dass ich mir gleich Trikot und Schal besorgt habe.

Die bekanntesten Spieler, die mal das Schwarz-Weiß gestreifte Trikot (daher der Spitzname Magpies – Elstern) getragen haben, sind Kevin Keegan, Paul Gascoigne, Alan Shearer, Peter Beardsley und auch Michael Owen. Auch im aktuellen Kader finden sich ein paar Bekannte: Peter Löwenkrands (dänischer Nationalspieler, Ex-Schalker), Shefki Kuqi (finnischer Nationaler, Ex-Koblenz), Sol Campbell (engl. Nationalspieler), Fabricio Coloccini (argentinischer National-Innenverteidiger). Ach ja, und im Kader des Gegners, der Bolton Wanderers steht der Ex-Wolfsburger Martin Petrov, der schwedische Internationale Johan Elmander und ein gewisser Ivan Klasnic….

Der „Ground“, das Heimstadion von Newcastle United FC ist der St. James‘ Park, der das älteste und größte Stadion im Nordosten Englands ist. Das Stadion fasst 52.387 Sitzplätze, die alle überdacht sind, und ist damit zur Zeit das drittgrößte Ligastadion in England. Stehplätze gibt es keine.

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Charakteristisch ist die asymmetrische Tribünenverteilung, die wohl einer nachträglichen Stadionvergrößerung zu verdanken ist.

Die großen Tribünen sind schon gewaltig, richtig beeindruckend!

Und noch eine Besonderheit: Das Stadion liegt mitten in der Stadt, direkt neben sündhaft teuren Luxusreihenhäusern.

Besonders gut gefallen hat mir die eigene Metrostation direkt unter dem Stadion und der wirklich große und edle Fan-Shop auf 2 Etagen, der sich hinter keiner Boutique verstecken muss. Dann gibt es außen am Stadion auch noch die recht große und für alle geöffnete „Shearer’s Bar“, in der man bei Live-Sport-Übertragungen auf Großbildschirmen „vorglühen“ kann. Allerdings ein zweifelhaftes Vergnügen mit englischem Bier, das irgendwie an abgestandenes Landbier vom Tag davor erinnert. 😉

Ins Stadion gelangt man über zahlreiche Zugänge zu Treppenhäusern, ein Gedränge gab es da nicht, obwohl das Spiel fast ausverkauft war.

Von dort gelangt man dann in die Verpflegungsbereiche im Stadionbauch hinter den Tribünen. Und hier gab es zwei faustdicke Überraschungen: Man darf im gesamten Stadiongelände (heißt auf den Schildern tatsächlich „ground“) nicht rauchen, ja, man kommt nicht einmal irgendwo ins Freie, um draußen rauchen zu können – unglaublich! Und dann, mit bierähnlichem Getränk ausgestattet, der nächste Schock: Man darf das „Bier“ nicht mit nach Innen nehmen! Kein Alkohol im Sitzplatzbereich! Keine Chance, sich da drin richtig einen anzusaufen, ich glaube sogar die Kiosks sind während des Spiels teilweise geschlossen. Andererseits gibt es dadurch natürlich weniger Probleme mit besoffenen Vollpfosten, die dann enthemmt zu streiten anfangen…

Dann im Stadion, Sitzplätze eingenommen, die nächste Überraschung: Es gibt in diesem Riesen-Stadion nicht einmal eine Anzeigentafel! Nur so kleine Digitaluhren an den Eckfahnen. Und so ins Rund geblickt, konnte ich auch keine organisierten Fankurven erkennen, so etwas wie unsere Ultras – Fehlanzeige, auch keine Kuttenträger zu sehen. Und Hooligans oder sonst irgendwelche martialisch auftretende Fans habe ich auch nicht gesehen. Dann eine nüchterne Spielerpräsentation über Ansage, ein bisschen Gehampel von zwei Typen im Comic-artigen Elsternkostüm als Maskottchen und das war’s… Keine Hymne, kein gemeinsames Singen mit Schals emporhalten – da war ich schon ein wenig enttäuscht, hätte von den Engländern mehr erwartet. Aber vielleicht ist das ja auch speziell in Newcastle so nüchtern und anderswo feierlicher – keine Ahnung (in Liverpool „You’ll never walk alone“ muss das eigentlich anders sein, denke ich).

Während des Spiels dann aber herrschte eine beeindruckende Atmosphäre, was wohl auch an 48.062 Zuschauern lag. Angenehm, dass es keinen monotonen Dauersingsang gab (gibt es in England keine Ultras?), sondern spielsituationsbezogene Emotionen durchzuhören waren und gelegentliche Schlachtgesänge, die dadurch irgendwie stärker, authentischer wirkten. Wobei die Gäste durchaus ziemlich Alarm machten und organisierter wirkten….

Und die kühlen Engländer werden im Stadion so richtig lebendig, der Schiri ist blind, wie überall und wird entsprechend beschimpft und der Newcastle-Mittelfeldmann Taylor, der mit beiden offenen Sohlen voraus dem Gegner in die Schienbeine gerauscht ist und dafür verdientermaßen glatt Rot bekam, wurde mit Standing Ovations nach draußen geleitet 😉

Letztendlich konnte nach einer überlegenen 1. Halbzeit mit einem dummen und unverdienten Gegentor vor der Pause nach 35 Minuten Unterzahlspiel in der 2. HZ noch das 1:1 über die Zeit gerettet werden, was das Publikum wohlwollend quittierte. Pfiffe gegen eigene Spieler gab es gar nicht, auch wenn ein gewisser Tioté (ivorischer Nationalspieler) manchmal haarsträubend überhastete und leichtfertige Fehlpässe spielte. Man schimpft, aber pfeift nicht.

Ansonsten ist das Spielniveau wie in der Bundesliga, man hatte vielleicht den Eindruck, dass weniger taktiert und entschlossener nach vorne gespielt wird – kann aber auch am Spiel gelegen haben. Einen Namen sollte man sich übrigens merken: José Enrique, junger spanischer Linksverteidiger von Newcastle, erinnert in seiner Dynamik an unseren Pino, nur dass er seinen Gegenspielern dermaßen Knoten in die Beine gespielt hat….Wahnsinn, der wird noch einer, schätze ich. Sofort verpflichten! (aber ich habe gehört, die großen englischen Clubs klopfen schon an – also leider nicht finanzierbar)

Nach dem Spiel ging alles zügig und gut geordnet nach Draußen, die Polizei (z.T. beritten!) trennte Heim- und Gästefans mit einem Spalier, aber Aggressionen waren keine zu spüren – vielleicht weil es ein Unentschieden war. Auch die Abreise – völlig problemlos.

Fazit:

Das war echt ein tolles Erlebnis, dass ich gerne wiederholen würde, aber insgesamt gefällt es mir – nicht nur wegen des Herzbluts – bei unserem Glubb besser. Die Legende lebt, die Schals nach oben, das ist Gänsehaut-Feeling, das es dort nicht gab. Unser Frankenstadion ist stimmungsmäßig besser, als man denkt, trotz Aschenbahn. Dazu die Beschränkungen beim Rauchen und beim Bier (und vor allem das seltsame Bier…), das muss nicht sein. Aber wir können auch was lernen: Die Metro unterm Stadion (hallo Stadt, macht mal was!) und die authentischere Stimmung durch die echten Schlachtgesänge und Anfeuerungen statt monotonem Dauersingsang, das ist nachahmenswert!

Gruß Optimist

Anmerkung Bomber Manolo:

Ziemlich cooler Groundhopping-Bericht! Beim Bearbeiten ist mir aufgefallen, dass ich ja immer noch eine solche Englandreise als Geschenk von meinen Jungs ausstehen habe! Mal sehen ob ich das jetzt noch unterbringe! Ich würd übrigens gerne nach West Ham! 😉
In jedem Fall ein großes Dankeschön an Optimist, als Gegenleistung habe ich versucht aus den Bildern ein Panorama-Blick zu basteln – hat relativ gut geklappt, der große Fehler  nur in der großen Ansicht zu sehen! 🙂

Herrlich wenn man solch aktive Leser hat! 🙂

Kapazität: 52.387 Sitzplätze

Der St. James Park Newcastle in voller Größe (bitte auf das Bild klicken)

Hier die restlichen Bilder als Galerie:


Telekom-Entertain-Programme Bundesliga hier

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17 Kommentare zu “Groundhopping in der Premier League: Newcastle United vs. Bolton Wanderers 1:1”

  1. Muffi8 sagt:

    saucooler Bericht Optimist. wie Bomber schon erwähnte hat er so eine Reise ja noch gut bei uns (ich glaube inzwischen schon 5 Jahre), so ein Stadionbesuch mache ich auf jeden Fall auch mal (mit oder ohne Bomber)

  2. @ Muffi: Nee, nee, da will ich schon dabei sein! 🙂

    @ Optimist: „direkt neben sündhaft teuren Luxusreihenhäusern“
    Is schon komisch, bei uns würden die Preise für Wohnungen sinken wenn da ein Stadion daneben steht! 🙂

  3. fahnenmeier sagt:

    Danke für diesen Beitrag und Gratulation für diesen Trip! Die Tribüne ist beeindruckend! Einfach einmal rumziehen und man hätte wie Dortmund 80. – 90.000! Was interessant ist, dass selbst Newcastle und Umgebung mit seinen eigenen „nur“ 270.000 Einwohnern + Rest aussenrum das Stadion fast vollkriegt; und das gegen Bolton! Respekt! Da müssten sich die Einwohner Nürnbergs und Umgebung mal eine Scheibe abschneiden! 😉
    Ne, mal ganz im Ernst: ich bin immer noch dafür das Nürnberger Spielfeld um 10 Meter abzusenken, so dass man eine 3 Reihe unter dem jetzigen Erdgeschoss einbauen kann! Dann würden auch bei uns 70.000 reinpassen. Und mann hätte 3 richtige Etagen! *träum*

  4. Optimist sagt:

    @ Bomber: Da hab ich wohl das Ironiezeichen vergessen 😉 Man sieht es auf dem Foto nicht so gut, aber die Dinger sehen eher wie Bruchbuden aus…. Aber ist schon witzig, eigentlich sieht es da aus, als ob das Stadion auf dem Plärrer oder dem Bahnhofsplatz steht – wirklich mitten in der Stadt!

  5. Optimist sagt:

    @ Fahnenmeier: Das mit dem Absenken wird ein schöner Traum bleiben: Dann könnten wir Schwimmweltmeisterschaften veranstalten, da kommt nämlich nach 1 m das Grundwasser (deshalb konnte das Stadion einst gegen Wolfsburg auch dermaßen absaufen)

  6. fahnenmeier sagt:

    Jo, mir ist durchaus bewusst, dass es da bald ein Schwimmbecken umsonst geben könnte! http://www.n-town.de/glubbblog.....bruch.html ich war live dabei … aber so ne richtige Wanne drumrum und es geht schon irgendwie. 😉

  7. Optimist sagt:

    @ fahnenmeier: Ja, da war ich auch dabei. Das war das erste mal, dass ich meine Frau überzeugt hatte, zum Glubb zu gehen – da wollte ich ihr dann gleich richtig Spektakel bieten 😀

    Hat gewirkt, seitdem geht sie immer gerne mit!

  8. kempe-alder sagt:

    eijeijaja keine ziggis und kein bier.was machen die den dann in dem stadion?
    nein im ernst,ich hoffe so wei kommt es bei uns nicht.

    das waren meine ersten gedanke nach deinem sehr unterhaltsamen groundhopping bericht.

  9. @ Optimist: Achso, hätte das aber den fussballgeilen Engländern durchaus zugetraut, dass die auf solche Wohnungen scharf sind….
    Das Ironie-Zeichen hast Du nicht vergessen, es ist nur verrutscht: Denn eine goldene Zukunft steht uns in Nürnberg ja wohl wirklich bevor, oder? 😉

  10. @ kempe-alder: „ich hoffe so weit kommts bei uns nicht“
    Ist das nicht schon in der ArroganzArena der Fall? Da darf man doch nix mit rein nehmen, oder?

  11. Optimist sagt:

    @Bomber: stimmt, eigentlich ist es nur verrutscht…

    Ach uebrigens, warum gerade West Ham? Ich wuerde z.B. Unbedingt noch ein Heimspiel von Liverpool sehen wollen. Das stelle ich mir hinsichtlich Stimmung am intensivsten vor!

  12. fahnenmeier sagt:

    @Optimist: „Wir haben uns vorgenommen, im Leben zu nichts zu kommen“ Klingelt’s?

  13. Optimist sagt:

    Hmm, der Spruch ist gut, aber klingelt bei mir nicht…;-)

  14. @ Optimist: Is aus dem Film „Hooligans“, in dem WestHam-Fans auf den FC Millwall treffen! Is gut!
    Hooligans bei Wikipedia

  15. Optimist sagt:

    Wie es scheint, habe ich da ne Bildungslücke. Habe zwar von dem Film gehört, ihn aber noch nicht gesehen. Werde ich also auf jeden Fall bei Gelegenheit nachholen!

  16. Claus sagt:

    @Optimist: Zu Deinem Vorschlag von der U-Bahnstation wollte ich schon einschreiten, aber Dir sind die Gegebenheiten ja bekannt. Eine U-Bahnstation Frankenstadion wäre nur mit Tauchausrüstung erreichbar.
    Und ich weiß gar nicht, was Du gegen das englische Bier hast? Mir sind von meinem letzten London-Trip einige Sorten in angenehmer Erinnerung, kann aber auch sein, dass in London die Auswahl größer ist. Kein Pub, der nicht mindestens ein halbes Dutzend zur Auswahl hat (unter anderem ein schottisches Dunkel, dass sogar gekühlt und mit Schaum gezapft wird).

  17. Optimist sagt:

    @ Claus: zur Ehrenrettung der Englaender muss ich sagen, dass auch ich ein paar Sorten ganz gut fand, und die Auswahl in den meisten Pubs ist wirklich ganz gut. allerdings gabs im Stadion nur wenige und das, was ich anderswo schon mal geniessbar fand wurde im Stadion nicht extra-cold ( das ist ein normal gekuehltes Bier) angeboten und schmeckte nicht. Und da ich am liebsten Pils trinke, ist das in England ohnehin kaum zu bekommen, richtig hopfig bitteres Bier ist selten zu finden.

    Und die U-Bahn… Die muss ja nicht unterirdisch sein, aber auch das waere kein Problem, die ist nicht vom Grundwasser abhaengig. Ich finde halt, dass alle Verkehrsmittel verdammt weit weg vom Stadion sind…

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